ESRA Ethnographic Sound and Recording Archive

I. Einleitung

Das Ethnographic Sound and Recording Archive (ESRA) des Instituts für Systematische Musikwissenschaft der Universität Hamburg macht historische und neue ethnographische Tonaufnahmen hörbar und zugleich rechnergestützt analysierbar. Es verbindet ein Archiv mit Metadaten und Streaming mit den Analysen des comsar-Systems: Klangfarbe, Tonhöhe, Tonsysteme und selbstorganisierende Karten, auf denen ähnliche Stücke nah beieinander liegen. Leitung: Prof. Dr. Rolf Bader.

Die Sammlungen an der Universität Hamburg

Die Geschichte der Hamburger Sammlungen beginnt vor der Gründung der Universität. 1910 richtete Carl Meinhof am 1908 gegründeten Hamburgischen Kolonialinstitut das Phonetische Laboratorium ein, eine der ersten Einrichtungen zur experimentellen Untersuchung der Sprachlaute; später leitete es Giulio Panconcelli-Calzia. Von Anfang an wurden dort ethnographische Tonaufnahmen gesammelt, später ergänzt durch kommerzielle Schallplatten, etwa von Odeon und Parlophon-Lindström. Die Sammlung ist damit auch ein Zeugnis der kolonialen Wissenschaftsgeschichte, aus der sie hervorging (Blaß & Koehn).

Wilhelm Heinitz (1883–1963) kam 1915 an das Phonetische Laboratorium, baute die Aufnahmen in den 1920er Jahren aus und leitete die 1934 gegründete Forschungsabteilung für Vergleichende Musikwissenschaft. 1949 wurde er erster Professor für Vergleichende Musikwissenschaft am neu gegründeten Musikwissenschaftlichen Institut und übergab ihm die erhaltenen Bestände. Die Sammlung Heinitz umfasst 654 Tonträger (Schellack, Acetat, Metallfolie) mit etwa 2600 Aufnahmen aus allen Kontinenten, mit Schwerpunkten in Afrika und im arabischen Raum. Seit 2013 wird sie für ESRA digitalisiert.

Zum Bestand gehört ein vollständiger Satz der 162 Schallplatten, die The Gramophone Company anlässlich des Kongresses für arabische Musik in Kairo 1932 herausgab. Auf diesem Kongress trafen ägyptische und andere arabische Musiker und Theoretiker auf europäische Vergleichende Musikwissenschaftler; diskutiert wurde unter anderem, ob die arabische Tonleiter auf 24 gleiche Vierteltonstufen pro Oktave festgelegt werden sollte. Die Aufnahmen sind eine der wichtigsten Quellen zur arabischen Musik der Zeit.

Die Sammlung Bader enthält die Feldaufnahmen von Rolf Bader aus zahlreichen Forschungsreisen nach Südostasien, Sri Lanka, Nepal und China, unter anderem Musik der Kachin im Norden Myanmars. Sie wächst weiter; neue Aufnahmen werden laufend ergänzt. Feldaufnahmen erscheinen unter einer Creative-Commons-Lizenz.

ESRA wird seit 2013 als Archiv digitaler Kopien dieser seltenen, meist einmaligen Aufnahmen aufgebaut. 2026 wurde es als eigenständige Plattform neu gebaut: mit Kuratierung der Metadaten, privaten Sammlungen, eigenen Uploads und den Analysen des comsar-Systems direkt im Browser.

Das DFG-Projekt

Von 2017 bis 2020 förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Projekt Music Information Retrieval-basierte Dateninfrastruktur für ethnographische Tonträgerarchive (Leitung Rolf Bader, GZ BA 2208/11-1). Ziel war die inhaltsbasierte Klassifikation der digitalisierten historischen Aufnahmen des Instituts und der Aufbau von ESRA. Im Projekt entstand das System für inhaltsbasierte Suche und Visualisierung von Michael Blaß und Rolf Bader, das Klangfarbe, Rhythmus (über Hidden-Markov-Modelle) und selbstorganisierende Karten verbindet und als Prototyp in ESRA eingebaut wurde (Blaß & Bader 2019). Daraus ging das comsar-System hervor.

Das Symposium

Im November 2017 fand in Hamburg das erste International Symposium on Computational Ethnomusicological Archiving (ISCEA) statt, gefördert von der VolkswagenStiftung. Es behandelte die Standardisierung von Metadaten, die rechnergestützte Signalanalyse in Archiven, die Nachhaltigkeit des digitalen Erbes, die Verbindung von Klanganalyse und Musikanthropologie sowie die Nutzbarkeit der Archive für unterschiedlichste Forschungsfragen. Aus dem Symposium ging der Band Computational Phonogram Archiving hervor (Bader 2019), 2024 auch auf Deutsch als Computergestützte Archivierung von Tonträgern.

Das comsar-System

comsar (Computational Music and Sound Archive) ist eine quelloffene Python-Bibliothek für die Analyse von Klangfarbe, Tonhöhe und Melodie, Tonsystemen und Rhythmus sowie für selbstorganisierende Karten. Sie geht auf Arbeiten von Michael Blaß zurück und wird von Rolf Bader weiterentwickelt. Das System besteht aus drei Paketen, alle unter BSD-3-Lizenz auf Codeberg:

ESRA nutzt comsar als Rechenkern. Die Mathematik der Verfahren beschreibt Teil III.

Die Ausstellung „Can You Hear It?“

Vom 26. Mai bis 31. Oktober 2023 zeigte das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) die Ausstellung Can You Hear It? Musik und Künstliche Intelligenz, kuratiert von Olaf Kirsch und Rolf Bader, gefördert von der VolkswagenStiftung, der Körber-Stiftung und der Merck Finck Stiftung. Die Ausstellung führte Besucherinnen und Besucher an Methoden und Ergebnisse der Forschung heran: selbstorganisierende Karten, KI-Analysen von Gamelan und uigurischer Musik, den Vergleich von chinesischem und westlichem Hip-Hop, Instrumente wie Dutar, Hulusi und die Pat-waing-Trommel aus Myanmar sowie die Dance Booth auf Grundlage der Impulse Pattern Formulation. Die Forschungsergebnisse dazu stellt die Website musicai.uni-hamburg.de vor.

Die Ausstellung wurde in angepasster Form wiederholt: 2025 in Yao'an (Yunnan, China), Ende Oktober und Anfang November 2025 an der Zhejiang Normal University in Jinhua (Zhejiang, China) mit Symposium, Workshops und Konzerten, organisiert von Simon Linke (ligeti zentrum).

Forschung mit comsar

Mit comsar und seinen Vorläufern entstanden unter anderem Untersuchungen zu Klangfarbe und Tonsystemen der Kachin im Vergleich zu uigurischer Musik, zur Unterscheidung von chinesischem und westlichem Hip-Hop über Klangfarbe, zu indonesischen und westlichen Gamelan-Orchestern, zur Entwicklung der Klangfarbe des Klaviers und zur Hulusi, einem Rohrblattinstrument aus dem Südwesten Chinas. Die Methoden zur Bestimmung von Tonsystemen wurden 2026 grundlegend überarbeitet (siehe Teil III, Abschnitt 3).

Literatur

Computational Phonogram Archiving und ESRA

Anwendungen von comsar und selbstorganisierenden Karten

Klangfarbe, Tonhöhe, Rhythmus

Geschichte der Sammlungen

Kongress für arabische Musik, Kairo 1932

Ausstellung

Eine vollständige Liste der Veröffentlichungen steht auf rolfbader.de/papers.

Stand: 2026-10-16